Am 31.07.22 verabschiedet sich Christa Seeger, Leitung des Ambulanten Hospizdienstes für Erwachsene Begleitung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, in den wohlverdienten Ruhestand. Im Interview mit Dagmar Hempel, Evangelischer Kirchenkreis Stuttgart, blickt sie nochmals zurück auf ihre Zeit im HOSPIZ STUTTGART.

22 Jahre war Christa Seeger das Gesicht der Sitzwache, die heute zum Ambulanten Hospizdienst für Erwachsene in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gehört, aber in ihrer aktiven Zeit als Leitung hat sie vieles bewirkt und ist alles andere als nur auf ihrem Bürostuhl „gesessen“. Wie sie zum Hospiz Stuttgart kam, was sie dort mit angeschoben und auf den Weg gebracht hat und welche Perspektiven sie für diese so wichtige Arbeit in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft sieht, erzählt sie im Interview.

RED: Liebe Frau Seeger, der Ambulante Hospizdienst und Sie, das ist fast untrennbar und jetzt steht Ihr wohlverdienter Ruhestand bevor. Erzählen Sie mal, wie Sie überhaupt zum HOSPIZ STUTTGART kamen…

CS: Beruflich war ich im Jahr 2000 in der Diakoniestation, als ich über die Öffentlichkeitsarbeit das HOSPIZ STUTTGART kennengelernt habe. Die Inhalte der Hospizarbeit haben mich damals sehr angesprochen und ich hatte tatsächlich eine Bewerbung vorbereitet, diese aber nicht abgesendet. Parallel dazu kam dann die Anfrage vom damaligen Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich für diese Stelle. Dann gab es einen Regenbogen am Himmel als ich zum ersten Mal die Stafflenbergstraße betreten habe. Als dann noch mein Konfirmationsspruch in einem Buch der Sitzwache stand, waren das Zeichen für mich, dass dieser Bereich der richtige Weg sein könnte.

RED: Gehen wir nochmals ein bisschen weiter in Ihrem Leben zurück. Wann und warum haben Sie sich entschieden, für die Kirche zu arbeiten?

CS: Das war 1977, als ich mich für die „Kirchliche Ausbildungsstätte für Diakonie- und Religionspädagogik“ zur Ausbildung der Diakonin auf der Karlshöhe in Ludwigsburg beworben habe. Ein christlich und sehr sozial geprägtes Elternhaus, das Mitarbeiten in der Jugendarbeit, Ferienjobs in Pflegeeinrichtungen und die Betreuung von behinderten Kindern und Jugendlichen haben mich dazu bewogen, diesen Weg einzuschlagen. Mein Wunsch war es, Menschen auf ihren besonderen Lebenswegen zu begleiten und das erschien mir mit diesem Studium ein guter Weg zu sein. Danach ging mein Weg weiter über die Stelle als Gemeindediakonin, nach der Kinderpause hin zur Nachbarschaftshilfe in der Diakoniestation und dann zum Ambulanten Hospizdienst des HOSPIZ STUTTGART.

RED: „Hospizarbeit – das muss man können!“. War es Ihnen in all denen Jahren mit den verschiedensten Menschen und deren Schicksalen nicht manchmal auch schwer ums Herz?

CS: Über die vielen Jahre hinweg durfte ich eintauchen in so viele Lebensgeschichten, in Biografien die spannend, berührend, traurig und lehrreich waren. Es wird einem manchmal schwer ums Herz, aber gleichzeitig erfährt man so viel beeindruckende Momente in den Begegnungen zwischen den sterbenden Menschen und deren Familien.
Die Arbeit war, so glaube ich, nicht nur ein Job. Für mich war es schon eine besondere Art der Führung, dass mir diese berufliche Aufgabe so gestellt wurde, an der ich wachsen und reifen konnte – nicht zuletzt für mein eigenes Leben. Gleichzeitig habe ich mit meinem Team und den vielen Ehrenamtlichen gelernt, in der ständigen Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, Sorgen und Nöten anderer Menschen, immer wieder eine möglichst wertfreie Haltung einzuüben. Die Haltung von Palliative Care.
Was hilft? Ein sehr aufgeschlossenes Team, in dem alles gefragt und hinterfragt werden kann, das gemeinsame Suchen nach Lösungen, bewusste Auszeiten, immer wieder die Sonnenstrahlen des neuen Tages zu suchen und zu genießen.

RED: An welche Ereignisse oder Begegnungen erinnern Sie sich noch heute so, als wäre es gestern?

CS: Oje, da gab es so viel,…
• allein als Hauptamtliche im Bereich der Sitzwache zu starten, die ersten Handys für die Koordination der Begleitungen einzuführen, die erste Dokumentation einzuführen, den ersten Qualifizierungskurs durchzuführen, der anstrengende Weg von ehrenamtlichen Strukturen hin zu hauptamtlichen Strukturen

Was mir beeindruckend in Erinnerung bleibt ist die Vielfalt der Aufgaben in diesem Bereich:
• die vielen Ehrenamtlichen, die ich so intensiv kennenlernen durfte durch die Vorbereitungszeit und die Gruppenabende; die Hauptamtlichen, die meinen Weg begleitet haben, mit denen ich lernen konnte; das gemeinsame Ringen um die bestmöglichste palliative Versorgung; die brennenden Kerzen an der Gedenkfeier am Totensonntag

• immer zum richtigen Zeitpunkt, als ein Geschenk des Himmels, von politischer Seite die finanzielle Unterstützung zu bekommen, für die Bereiche der Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser, damit ein Ausbau unseres Bereiches möglich war

• die große Veränderung der Integration in das HOSPIZ STUTTGART, fünf unterschiedliche Gesamtleitungen des HOSPIZ STUTTGART mitzuerleben, drei Ortswechsel und fünf Namenswechsel „der Sitzwache“ mitzugestalten

• die Implementierung von Palliative Care in den Pflegeteams in den Einrichtungen anzuregen und zu unterstützen; das Buch „Palliative Care“ mitwachsen und entstehen zu sehen

RED: Vor ein paar Jahren wurde die Sitzwache, die Sie 22 Jahre betreut haben, und die ambulante Hospizarbeit zusammengelegt. Wie muss sich aus Ihrer Sicht die Hospizarbeit künftig noch weiterentwickeln und was braucht es dafür?

CS: Ein Wunsch von mir ist, dass sich der Träger weiterhin intensiv mit den Entwicklungen unserer Gesellschaft auseinandersetzt und besonders die Situationen in den Krankenhäusern und den Pflegeeinrichtungen im Auge behält. Auch die fortlaufende Suche nach Ehrenamtlichen, ohne die unsere Arbeit nicht zu bewältigen ist, bleibt weiterhin eine zentrale Aufgabe für die Hospizarbeit. Ich würde mir sehr viel mehr Personalkapazität für die Implementierung von Palliative Care Projekten in den Pflegeeinrichtungen wünschen. Und den weiteren Ausbau der Vernetzung zwischen der „allgemeinen ambulanten Palliativversorgung“ und der „spezialisierten Palliativversorgung“ kann für die Zukunft die Einrichtungen stärken und unterstützen. Ja, uns die Maßnahmen im Gesundheitssystem entsprechen nicht den Bedürfnissen der schwer kranken und sterbenden Patienten und Patientinnen und Heimbewohnern und -bewohnerinnen. Der Personalmangel ist eine schwierige Entwicklung, die uns irgendwann einholen wird.

RED: Summa summarum, dranbleiben heißt hier wohl die Devise. Für Sie steht jetzt aber der Ruhestand bevor. Wie wird er wohl werden?

CS: Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, den ich mir gut überlegt, und so hoffe ich, auch gedanklich genügend vorbereitet habe. Es wird sicher sehr schön sein, wenn es mehr Zeit für meine Familie, meine beiden Enkelkinder und für Freunde geben wird. Vielleicht gelingt es, hier und da auch noch als Referentin im Thema zu bleiben und noch etwas mitwirken zu können in den Institutionen. Ich habe die Hoffnung, dass ich meine kreative Seite wieder mehr ausleben und meine Hobbys besser pflegen kann. Erstmal möchte ich die neu gewonnene Zeit wahrnehmen und offen sein für Neues, ohne dass alles wie bisher vorgeplant und verplant ist. Darauf freue ich mich. Ich betrachte es als ein Geschenk, wenn ich noch gesund weiterleben kann und empfinde Dankbarkeit dafür, dass es mir heute gut geht und ich ganz bewusst in diesen neuen Lebensabschnitt gehen kann.

RED: Haben Sie herzlichen Dank, liebe Frau Seeger, für die Ein- und Ausblicke in Ihre Arbeit. Dann wünschen wir Ihnen von Herzen alles erdenklich Gute und hören bzw. sehen Sie gerne als Referentin wieder.

Text: Dagmar Hempel
Foto: Kerstin Sänger