Hospizbegleitung: Mehr als die letzten Stunden

22.05.2020 | Erwachsenenhospiz

Manchmal wird Herrn Müller die Luft knapp. Er hat noch so viel zu erzählen nach einem langen 92jährigen Leben mit vielen Höhen, aber auch belastenden Erlebnissen. Je älter er wird, desto stärker beschäftigen ihn die Erlebnisse seiner Jugend im Krieg und in der Nachkriegszeit. Immer wieder fühlt er sich den Erinnerungen ausgeliefert, die ihm manchmal den Atem nehmen. Die chronisch obstruktive Lungenerkrankung, an der er leidet, wird für ihn in solchen Momenten noch deutlicher spürbar. Mit seiner Ehefrau, die ihn – soweit sie es noch kann – mit tatkräftiger Unterstützung der Diakoniestation versorgt, hat er schon oft darüber gesprochen. Sie möchte die „alten Geschichten“ nicht immer wieder hören, auch wenn sie ihn bedrängen. Aber die „alten Geschichten“ wollen erzählt werden, vielleicht wird es leichter, wenn er sie wieder erzählen kann. Und es gibt noch die vielen schönen Erlebnisse, an die er sich gerne im Erzählen erinnert. Sie bilden die anderen, bunten Facetten seines Lebens und sollen nicht vergessen werden.

Frau Oppermann ist 54 Jahre und ist schon seit 9 Jahren als Ehrenamtliche im Hospiz Stuttgart tätig. Nach dem Vorbereitungskurs für ehrenamtliche SterbebegleiterInnen stellte sie sich darauf ein, Menschen in ihren letzten Lebenstagen oder gar Stunden zu begleiten. Je länger sie aber als Ehrenamtliche im Hospiz arbeitete, desto deutlicher wurde für sie, dass „Begleitung am Lebensende“ sehr oft mehr ist als die Begleitung in den letzten Stunden:  Die Chance, einen Menschen in seiner letzten Lebensphase kennen zu lernen, Vertrauen aufzubauen, zu spüren, was diesem Menschen und seinen Angehörigen in diesem Moment wichtig ist, empfindet sie als großes Geschenk.  Ihre Aufgabe ist, als Teil eines größeren Unterstützungsnetzwerkes die Betroffenen durch Da-Sein, Offenheit, Zuhören und Wertschätzung zu stützen und den Angehörigen Entlastung zu geben.

Seit nunmehr vier Monaten besucht Frau Oppermann Herrn Müller. Es brauchte zwei Besuche, bis das Ehepaar Müller und die Ehrenamtliche Vertrauen zueinander gefunden hatten. Herr Müller begann von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen, aber nach einigen Treffen blitzten auch die schönen Erlebnisse seines Lebens auf. Wenn die ehrenamtliche Begleiterin da ist, hat Frau Müller etwas Freiraum, sich zu erholen. Manchmal besucht sie die Nachbarin, an anderen Tagen erledigt sie Dinge, die ihr wichtig sind. Inzwischen wird Herr Müller schwächer. Die Gespräche dauern nicht mehr so lange, manchmal schläft er auch im Gespräch ein. Aber Frau Oppermann bleibt dann noch, bis Frau Müller wiederkommt. Einen ordentlichen Abschied gibt es immer … der letzte Abschied ist sicher nicht mehr weit entfernt.

Dr. Christine Pfeffer | Leitung Ambulantes Erwachsenenhospiz