In diesen Zeiten…

22.05.2020 | Erwachsenenhospiz

schicke ich allen Leser*innen ein Update, was die aktuelle Situation mit uns allen macht. Ein Virus ist unterwegs und macht Menschen krank, lässt sie unter ungünstigen Umständen auch sterben. Nun, in einem Hospiz wird zumeist fast ausschließlich gestorben – gut begleitet bis zum letzten Atemzug. Dieses Virus ist so winzig klein und richtet so einen Kollateralschaden an. Es erschüttert Massen in ihrem sicheren Dasein. Holt es uns aus unserer jahrzehntelangen Komfortzone?

Im Hospiz haben wir diese Komfortzone nicht. Hier betreuen wir Menschen am Ende ihres Lebens. Deshalb sind wir ein Ort, der auf der einen Seite so viel Achtsamkeit und tiefe und liebevolle Begleitung bietet, auf der anderen Seite jedoch etwas hat und ist, was Angst macht – die unausweichliche Tatsache, dass dies der Ort ist, wo unser Gast sterben wird. Eine Herberge, in der viele Emotionen zuhause sind. Etwas Ähnliches spüre ich gerade in der Bevölkerung. Die Menschen werden in ihren Grundfesten erschüttert durch einen nicht greifbaren Feind, der ihnen nach der Gesundheit oder dem Leben trachtet. Einem Feind, der unsichtbar anwesend die Menschen beschädigt und verängstigt – ein Gespenst, für das es keine Gegenwehr gibt. Manchmal ist dies alles auch im Hospiz zu spüren, und das macht zutiefst ohnmächtig.

Corona belächelt alle medizinischen Errungenschaften, ignoriert Antibiotika und gibt unserem Wissen zur Bekämpfung von Krankheiten einen heftigen Tritt. Zu all dem sollen wir dann noch auf das großartig aufgezogene Netz an Unterhaltung und magenverwöhnenden Locations verzichten? Unverschämt! Im Hospiz muss der Gast auch unfreiwillig Gewohntes und geliebt Gelebtes streichen. Das schöne Zuhause und die gewohnte Umgebung, die Katze, die abends schnurrend auf dem Schoß lag und der alte Liegesessel im Garten, der herrliche Ausruhstunden bescherte. Das erzwungene Verlassen unserer Wohlfühlzonen macht nicht nur traurig und ängstlich, sondern auch verdammt wütend. Das Virus und der Tod könnten diesem Text als Überschrift dienen.

Was tun wir im Hospiz zur Linderung dieser körperlichen und seelischen Not? Zum einen bilden wir uns ständig fort – damit wir dem Gast mit Schmerzen und anderen Symptomen kompetent und wissend helfen können. Wir wollen Lösungen finden, damit die uns Anvertrauten möglichst symptomkontrolliert ihre letzte Lebenszeit bei uns verbringen können. Wir achten aufeinander und zwar alle zusammen, wir beachten uns und tun alles Notwendige. Was braucht es, um die Not zu wenden?

Das ist genau das, was uns kleine Pflegeeinrichtung ausmacht – unsere Haltung. Mit Haltung alles halten und aushalten, was nicht mehr aufzuhalten ist. Leben in der Liebe zum Handeln mit Herz und Erfahrung. Ja, wir haben wenig Erfahrung, auf die wir zurückgreifen können in Bezug auf so ein wütiges Virus – jedoch müssen wir das jetzt lernen. Wir müssen verzichten (was in unserer Gesellschaft besonders schwer ist, da wir es gewohnt sind, dass alles da ist und wir aus dem Vollen konsumieren können), müssen nachdenken (was uns sehr gut tut), müssen daran denken, dass wir alles tun sollten, dass wir zusammen das gut überstehen – was für eine Aufgabe. Respekt, Haltung, Achtsamkeit und die Tatsache, dass es um unser aller Wohl geht.

Ein Lernprozess, mit dem uns dieses Virus eine so große Chance serviert, die uns als Gesellschaft voranbringen kann in Bezug auf unsere Haltung. Unser Gesamtleiter sagt immer: „Hospiz ist kein Ort, sondern eine Haltung.“ Diesen Satz können wir in diesen Tagen auf alle betroffenen Länder ausweiten. Zeigt bitte Haltung, bleibt ruhig und seid achtsam. Bei uns funktioniert dieses Prinzip und sorgt dafür, dass selbst die schlimmste Situation „ausgehalten“ werden kann. Und so hat Corona nun unbeabsichtigt die Welt dazu aufgefordert, ein wenig hospizlicher zu werden. Ich würde mich freuen, wenn mein Text zwei Dinge deutlich machen konnte: zum einen, dass wir uns vor Augen halten, dass es kein Anrecht auf umfassende Unversehrtheit gibt, und zum anderen, dass wir es wieder schätzen lernen, was uns tagtäglich geschenkt wird.

Annemarie Hagenlocher | Leitung Stationäres Erwachsenenhospiz