Ehrenamtliche, die mit existenziellen Krisen des Menschseins zu tun haben, sammeln über die Zeit ein ganz besonderen Schatz an Erfahrungswissen. Sylvia Täuber, Ehrenamtliche im Hospiz Stuttgart, lässt uns mit ihrem berührenden Text an ihren Erfahrungen und Einsichten aus ihrer letzten Begleitung teilhaben. Wir danken ihr an dieser Stelle für die Offenheit und für den Einblick in diese ganz persönlichen Erfahrungen.


Das letzte Spiel
von Sylvia Täuber

Eine Begleitung, die bei mir tiefe Empfindungen und kostbare Augenblicke hinterließ, begann mit dem Spiel „Mensch ärgere dich nicht“  und endete mit dem Spiel des Lebens auf diesem Erdendasein. Seit Mitte Januar besuchte ich einmal in der Woche zu Haue eine alte Dame, ich nenne sie Frau Frei, die liebevoll von einem Angehörigen betreut wurde. Frau Frei spielte gerne „Mensch ärgere dich nicht“ und suchte jemanden zum gemeinsamen Spiel. Sie hatte dabei viel Freude bei „Rot gegen Grün“ und gewann in der Regel. Da auch ich eine Spielerin bin, war es für mich oft eine Herausforderung, des Öfteren zu verlieren.

Ein Spiel mit zwei gleichwertigen Partnern. Ein Spieler eröffnet das Spiel und  der andere Partner reagiert auf dessen Spielzug.

Über das Spielen kamen wir beide ins Reden, es war ein Türöffner. Frau Frei ließ mich ein wenig Einblick in ihr früheres Leben nehmen. Sie erzählte von ihren Kindern, ihrem innigen Glauben und  über den Verlust ihres Ehemannes. Ihr Mann starb zu Hause, während Frau Frei schwer erkrankt in der Klinik lag.

Der Große Spielleiter hat die Entscheidung getroffen und gewährte Frau Frei noch eine weitere Spielrunde.

Im Laufe unserer gemeinsamen Zeit war das gemeinsame Spiel nicht mehr der Mittelpunkt unserer Treffen. Häufig saßen wir nur beisammen. Dabei lauschte ich ihren wenigen Sätzen, in denen Frau Frei zum Ausdruck brachte, dass sie des Lebens müde wäre. Sie wisse, dass ihr Mann bereits auf sie warte.

Das Spiel des Lebens nähert sich dem Ende. Der Spielverlauf ist vorgezeichnet.

Der letzte Umzug im Leben von Frau Frei begann sich abzuzeichnen. Sie war bereit, ins stationäre Hospiz zu gehen. Das bedeutete für sie:Abschied nehmen von zu Hause, Abschied nehmen von Vertrautem, Abschied nehmen ohne Wiederkehr.

Das Spiel des Lebens ändert das Spielverhalten. Zwei Partner stehen sich gegenüber. Der Große Spielleiter ist einer davon. Er zeigt die Richtung und das Ziel an.

Auch ich wechselte jetzt die Spielfläche. Ich war nur noch eine begleitende Zuschauerin bei diesem Spiel und wurde eingeschlossen in dieses Geschehen. Bei meinen Besuchen im Hospiz erlebte ich Frau Frei als einen Gast, der es genoss, das zu tun, was ihm guttat. Sie blieb im Bett liegen und ruhte sich aus, um gestärkt auf ihre letzte Lebensstrecke zu gehen. Ich lernte an ihrem Bett, die Stille auszuhalten, kaum zu reden, nur da zu sein, ein stilles Gebet zu sprechen und Frau Frei, wenn sie es wollte, ihre Hand zu halten.

Dieser letzte Teil des Spiels war ein leises Spiel, ein Spiel ohne viel Bewegung und doch sehr intensiv und unvergesslich.

Ich durfte dabei sein, als Frau Frei friedlich und leise ihren letzten Atemzug in ihrem Lebensdasein  auf dieser Erde aushauchte. Es fühlte und hörte sich an wie das leise Säuseln eines wundersamen Windes.

Der Große Spielleiter hat das Lebensspiel von Frau Frei beendet und sie dabei auf seinen Armen getragen.

 

Text: Sylvia Täuber, Ehrenamtliche Begleiterin im Hospiz Stuttgart
Foto: Hospiz Stuttgart