Die Kreativwerkstatt ist ein Angebot für Eltern, die gerade ihren Aufenthalt im Kinder- und Jugendhospiz haben oder Eltern, die bei uns schon einmal waren und von außen dazu kommen können. Die Kreativwerkstatt ist alle 14 Tage am Mittwochvormittag für drei Stunden geöffnet. Angefangen hat es mit zwei interessierten Müttern, inzwischen sind es elf Mütter, die zwar nicht jedes Mal, aber immer wieder zu unserem Angebot kommen. Neben dem Gruppenangebot am Mittwochvormittag gibt es zusätzlich die Möglichkeit, sich in begleiteter Einzelarbeit kreativ auszudrücken.

Die Idee für diese beiden Angebote entstand zusammen mit Eltern im Kreativraum des Kinder- und Jugendhospizes. Die Eltern formulierten häufig, wie viel Freude sie am kreativen Arbeiten haben und wie wenig Raum, Zeit und Möglichkeit dafür in ihrem Alltag vorhanden ist. Es fielen Äußerungen wie

„…beim kreativen Gestalten kann ich abschalten…“,
„…ich fokussiere mich auf das kreative Tun…“,
„…meine Probleme rücken dabei in den Hintergrund…“.
„…ich sehe Ergebnisse, die mir im Pflegealltag oft fehlen…“
„…ich nehme Resultate mit nach Hause, die mich immer daran erinnern, dass es Orte gibt, an denen ich auftanken kann…“
„…ich muss mich in der Gruppe nicht erklären, weil ich mich unter Gleichgesinnten befinde…“
„…ich erhalte viele wertvolle Tipps von anderen Eltern und ich finde ein Ausdrucksmittel für meine Gefühle…“

Diese Äußerungen und noch viele mehr haben uns davon überzeugt, das feste Angebot zu installieren. Es war uns wichtig, einen Ort zu schaffen, an dem Kraft getankt werden kann, an dem Gefühle und Gedanken kreativ ausgedrückt werden können und an dem die Resilienz der Eltern insgesamt gestärkt werden kann.

Inzwischen sind beeindruckende Werke in der Kreativwerkstatt entstanden. So hat eine Mutter sogar zwei Bücher in der begleiteten Einzelarbeit geschrieben. Auf die Idee, ihre vielen Werke aus Speckstein zu fotografieren und mit Fragen an das Leben mit einem erkrankten Kind zu ergänzen, kamen wir im gemeinsamen Gespräch über ihre Werke. Eigentlich sollte daraus eine Ausstellung im Hospiz werden, aber Corona kam dazwischen und ließ eine Ausstellung bisher nicht zu. Nachdem die Ausstellung nicht stattfinden durfte, hat die Mutter kurzerhand daraus ein Buch gemacht und gleich weiter an einem zweiten geschrieben, in dem sie ihr gesamtes Leben beschreibt und den Texten entsprechende Fotos zuordnet. Die kreative Auseinandersetzung mit dem erkrankten Sohn, aber auch mit dem eigenen Leben hat bei der Mutter sehr viele Kräfte freigelegt.

Auch die Bearbeitung eines Grabmals aus Ton zusammen mit einer Mutter eines kleinen verstorbenen Mädchens, hat für die Mutter eine hohe Bedeutung gehabt. Sie konnte in das Grabmal all ihre Liebe und Trauer um das verstorbene Kind zum Ausdruck bringen, umso besser von ihrer Tochter Abschied zu nehmen.

 

Anschließend hat diese Mutter, die viel Trost im kreativen Tun gefunden hat, 1000 Kraniche für das Kinder- und Jugendhospiz gefaltet. In Japan heißt es, wenn man 1000 Kraniche faltet, so hat man bei den Göttern einen Wunsch frei. Kraniche stehen aber auch für Glück und ein gutes und zufriedenes Leben. Diese Kraniche hängen bei uns im Haus und sprechen immer wieder die Familien, Praktikanten, Ehrenamtlichen und Mitarbeiter an.

 

Beim Gruppenangebot entstehen häufig Werke, die die Eltern gerne mit nach Hause nehmen, um sich daheim an den Ort erinnern zu können, an dem sie Kraft tanken können und sich wohlfühlen. So hat sich eine Mutter einen Engel und eine Tasse aus Ton gearbeitet. Jeden Tag schaut sie bewusst den Engel an und trinkt aus ihrer Tasse.

Es wird mit unterschiedlichsten Materialien wie Ton, Filz, Mosaik, Speckstein, Stoffen, Drähten, Holz, Farben etc. gearbeitet. Während eines Vormittags wurde zum Beispiel mit Papier umwickeltem Draht gearbeitet und es entstanden daraus Figuren. Ganz erstaunt waren die Mütter, als wir uns ihre Figuren anschauten und besprachen. Zwei Mütter hatten ihre Familie dargestellt und waren berührt, wie sie sie dargestellt hatten. Sie konnten in den Darstellungen die Liebe und den Zusammenhalt in ihren Familien erkennen und waren sehr erfreut und berührt davon. So tauschen sich die Mütter über ihre Werke aus, sie geben sich gegenseitig Tipps und unterstützen sich. In der Gruppe entstehen immer wieder Freundschaften, die außerhalb des Hospizes weitergeführt werden. Manch eine Mutter hat für sich ihre Kreativität in der Gruppe entdeckt und arbeitet seitdem auch zu Hause weiter daran. Für alle Teilnehmerinnen ist die Kreativwerkstatt ein Ort, an dem Austausch stattfindet und neue Energie getankt wird. Wir sind alle gespannt, was noch für weitere Werke in der Kreativwerkstatt entstehen werden und freuen uns über diesen Ort der Gemeinschaft und des Austauschs.

Text: Anne Bartels

Fotos: privat (Herzen Speckstein) / Anne Bartels (Grabmal) / Reiner Pfisterer (Kraniche)